| Von Sabine Schicketanz.
Wenn in Köln der Boden wackelt, ein Erdbeben mit Stärke 6 auf der Richterskala die Metropole im Westen Deutschlands erschüttert - dann würden alle vier Rheinbrücken einstürzen. Dieses Horrorszenario haben Wissenschaftler des Potsdamer Geoforschungszentrums (GFZ) sich nicht ausgedacht. Sie haben es berechnet.
Es ist das beste Beispiel für das, was Ministerpräsident Matthias Platzeck gestern Vormittag auf einer Wissenschafts-Tour durch die Landeshauptstadt vorstellen wollte: Unbekannte "Perlen der Mark" mit Zukunftsperspektive, Unternehmen und Projekte, die "noch nicht das ganze Land, noch nicht Herzen und Geist erobert haben". Mit monatlichen Fahrten will Platzeck der "Modernisierung mit märkischer Prägung" Aufmerksamkeit verschaffen - den Auftakt machte die gestrige Tour zum Thema Geoinformation.
"Wir müssen das Undenkbare denken", sagt Rolf Emmermann, Chef des Geoforschungszentrums. Auf eine Leinwand im Sitzungssaal des Wissenschaftsparks auf dem Telegrafenberg projiziert er Bilder der Erde als "Kartoffel", Simulationen eines überfluteten Städtchens am Neckar, Aufnahmen von Satelliten und Raketenstarts. Im GFZ geht eine wahre Flut des Rohstoffes ein, den Peter Hecker, Chef des regionalen Verbands der Geoinformationswirtschaft, den "Motor der Informationsgesellschaft" nennt: Geodaten. GFZ-Satelliten sammeln sie, vermessen wöchentlich die Ozeane und dreiviertelstündlich den Anteil des Wasserdampfes in der Luft über Deutschland. GFZ-Chef Emmermann zeigt eine Satelliten-Aufnahme vom 12. August 2002, als die Elbe-Jahrhundertflut begann. "Da war der Wasserdampf so hoch, dass unsere Skala nicht ausreichte - und uns war klar: Es muss etwas ganz Schreckliches passieren." Der Deutsche Wetterdienst will diese Daten des GFZ nun in seine Wettervorhersage einbeziehen. Doch die Verwaltungen bekommen die Erkenntnisse aus Geodaten noch kaum zu Gesicht. Es klafft eine Lücke zwischen Wissenschaft und Verwaltung. Schuld an den Transfer-Problemen sind laut Platzeck aber nicht nur Ämter und Behörden. Bei der Aufforderung zu mehr Zusammenarbeit sei man nicht überall auf Verständnis gestoßen. "Was geht uns der Rest der Welt an" - so hätten einige Wissenschaftler geantwortet. "Beide müssen sich bewegen", sagt Brandenburgs Wissenschaftsministerin Johanna Wanka. Deshalb fordert Verbandschef Peter Hecker: Innovative Lösungen für die Verarbeitung von Geodaten, eine Standardisierung, um Qualität, Preis und Nutzung zu vereinheitlichen - ein Geoinformations-Management.
Genau damit hat die Delphi Informationsmanagement GmbH - ein mittelständisches Unternehmen mit zehn Mitarbeitern und Sitz im Potsdamer Centrum für Technologie (PCT) - im vergangenen Jahr 800 000 Euro Umsatz gemacht. Zwar kann der Reisebus, in dem die Tourteilnehmer durch die Stadt kutschiert werden, die schmale Straße vor dem PCT kaum befahren, doch in dem Gebäude boomt die Zukunftswirtschaft. Zwei Software-Systeme hat Delphi entwickelt, erklärt Geschäftsführer Rolf Lessing: "MSPIN" beschert den Nutzern eine Geodaten-Infrastruktur vom Rohstoff bis zur Abrechnung, damit ließ sich bereits das Agrarministerium in Sachsen-Anhalt ausrüsten. "ETIC" ist ein Internetservice zur Auswertung von Radar- und Satellitenbildern - hier können verarbeitete Geoinformationen nach Bedarf über das weltweite Netz eingekauft werden. Potsdam, sagt Delphi-Chef Lessing, habe sich als zweite Niederlassung neben Magdeburg mehr als angeboten, denn hier gebe es qualifizierte Mitarbeiter. Weil die vier Institute auf dem Telegrafenberg Spitzenforschung betrieben, seien die Geo-Studiengänge der Potsdamer Universität automatisch attraktiver für Studenten, so Wissenschaftsministerin Wanka. Nirgendwo in Deutschland gebe es so konzentriert so viele Geoinformatik-Einrichtungen wie in Potsdam, konstatiert Verbandschef Hecker. Zudem seien die Kooperation zwischen Hochschulen und den außeruniversitären Forschungseinrichtungen in den neuen besser als in den alten Bundesländern, sagt die Ministerin - und versäumt nicht, auf Platzecks Essay hinzuweisen: Gerade jetzt solle der Westen zur Überwindung seiner "Struktur- und Identitätskrise" vom Osten lernen, hatte der Ministerpräsident geschrieben.
Im Osten lernen die Studenten des Hasso-Plattner-Instituts (HPI) auf dem Campus am Griebnitzsee. Was Verwaltungen und Unternehmen ganz praktisch mit Geodaten anfangen können, projiziert hier Jürgen Döllner, Leiter des Fachgebiets Computergrafische Systeme, auf die Leinwand: Das HPI hilft T-Mobile bei der Planung der Funknetze, per Computerprogramm lässt sich die Ausbreitung der Funkwellen grafisch darstellen. Um den Funkmast in der Innenstadt von Frankfurt am Main wabern auf dem Bildschirm rote, blaue und gelbe Funkwellen - die Farben kennzeichnen die Stärke der Strahlung. Für Baggerfahrer im Lausitzer Braunkohletagebau hat das HPI ein Programm geschrieben, mit dem sich per Satelliten-Daten Hangneigungen genauestens betrachten lassen, für die Landschafts- und Stadtplanung werden dreidimensionale Bildschirmkarten und Stadtmodelle entwickelt.
(Lokalnachrichten: Potsdam 17.04.2003)
Quelle:
www.pnn.de
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